Organizing – Die Heilslehre für Gewerkschaften?
Posted on | Februar 17, 2011 | 277 Comments
Ein kurzer Artikel über das Thema Organizing von mir. Erschienen in einer früheren Ausgabe des Neuroticker – der Zeitung der linksjugend ['solid] Sachsen.
Organizing – Die Heilslehre für Gewerkschaften?
Organizing ist in aller Munde, wenn man in den Gewerkschaften aktiv ist erst recht. Aber auch außerhalb dieser hat eine größere Menge politisch interessierter Menschen spätestens seit dem Obama-Wahlkampf im vergangenen Jahr etwas von Organizing gehört.
Aber worüber reden wir, wenn der Begriff Organizing fällt. Ein Blick ins Leitmedium Wikipedia verrät folgendes:
„Organizing oder Community Organizing bezeichnet ein Bündel an Maßnahmen für die Mitgliedergewinnung – meist von Gewerkschaften, aber auch Kirchengemeinden – und für die Stärkung der eigenen Durchsetzungskraft, das in dieser Form erstmal in den Armenvierteln von Chicago in den 1920er Jahren angewandt wurde. Unter Anleitung von Community Organizern werden die Bewohner befähigt und bestärkt, aktiv für ihre eigenen Interessen und oft gegen die Interessen großer Unternehmen, einzelner Unternehmer oder mächtiger staatlicher Einrichtungen vorzugehen. Als Begründer des Community Organizing gilt Saul Alinsky.“1
Ich kam im Rahmen meiner gewerkschaftlichen Arbeit zum ersten Mal vor ca. 3 Jahren mit Organizing in Berührung. Die deutschen Gewerkschaften innerhalb des DGB haben seit Jahren mit zum Teil drastischen Austrittszahlen zu kämpfen und daher schwindet deren Einfluss im Bereich der Arbeitswelt und der Gesellschaft im allgemeinen. Auf der Suche nach einer Lösung der Probleme wagte man einen Blick über den „Großen Teich“. In den USA sind einige Gewerkschaften seit geraumer Zeit mit dem Konzept des Organizing recht erfolgreich. So stieg die Mitgliederzahl der Dienstleistungsgewerkschaft SEIU im Zeitraum von 1980 bis 2005 von 625.000 auf 1,8 Millionen, seit 1996 betrug der Zuwachs 900.000 Mitglieder.2 Zum Vergleich: Die deutsche Dienstleistungsgewerkschaft ver.di hat seit ihrer Gründung im Jahr 2001 über 600.000 Mitglieder3 eingebüßt, der Dachverband DGB über 1,5 Millionen.4 Von den Zahlen her ein erfolgversprechendes Konzept. Allerdings haben die US-Gewerkschaften hierfür ihre Arbeit tiefgreifend umgestellt, was bei den DGB-Gewerkschaften z.T. noch aussteht. So haben sie in der Regel eigene Organizing-Institute, in denen Organizer ausgebildet werden, die dann ihrer Arbeit in den Betrieben nachgehen.
Darüber hinaus gibt es einige strukturelle Unterschiede zwischen den USA und Deutschland. Die Mehrheit der Belegschaft eines bestimmten Betriebs muss sich für die Vertretung durch die Gewerkschaft aussprechen. Kommt es zu einem Tarifabschluss, sind alle Beschäftigten im Geltungsbereich Gewerkschaftsmitglieder. Sofern allerdings das Unternehmen die Tarifverhandlungen ablehnt, muss die Gewerkschaft durch Abstimmung belegen, dass sie die Mehrheit der MitarbeiterInnen organisiert hat. Bei den abgeschlossenen Tarifverträgen handelt es sich in der Regel um Haustarifverträge, die in Deutschland üblichen Flächentarifverträge sind weitgehend unbekannt.
Weiterhin gibt es keine gesetzlichen Regelungen, wie das Betriebsverfassungsgesetz. Dies bedeutet, dass die Mitbestimmung der Beschäftigten in den Unternehmen und die Vertretung deren Interessen ohne eine gewerkschaftliche Organisation nicht vorhanden ist. Allerdings haben Gewerkschaften erst dann ein Zutrittsrecht in Betriebe, wenn diese auch tatsächlich organisiert sind.5
Im Vergleich dazu ist die Situation nahezu paradiesisch, gibt es doch gesetzlich legitimierte Betriebs- und Personalräte, Mitbestimmung in Aufsichtsräten etc.
Hierdurch wird deutlich, dass Gewerkschaften in den USA deutlich konfliktorientierter sein müssen als ihrer deutschen Pendants – ein Kernpunkt des Organizing. Deutsche Gewerkschaften tun sich mit Konfliktorientierung ab und an noch schwer, was aufgrund der Historie und der sozialparnterschaftlichen Prägung aber nicht wirklich verwunderlich ist.
Nichtsdestotrotz gibt es eine fortschreitende Zahl von Organizing-Projekten in den DGB-Gewerkschaften. So bilden die IG Metall und ver.di inzwischen verstärkt Organizer aus, die spezielle „weiße Punkte“ bearbeiten sollen. Diese weißen Punkte sind Bereiche, in denen der Organisationsgrad unter den Beschäftigten besonders niedrig ist und in denen meist zusätzlich schlechte Arbeitsbedingungen und Entlohnung sowie ein sehr aggressives Auftreten der Unternehmen auf der Tagesordnung stehen. ver.di hat eigens eine Abteilung Mitgliederentwicklung eingerichtet, die u.a für den Einsatz der Organizer und die Betreuung der Projekte verantwortlich zeichnet.
Ein Beispiel für Organizing-Projekte ist die Auseinandersetzung mit der Firma „Hermes Warehousing Solutions“ an den Standorten Haldensleben und Hamburg. Hier ging es um einen neuen Mantel- und Gehaltstarifvertrag.6
Im Hamburger Bewachungsgewerbe ging es im Jahr 2006 in Zusammenarbeit mit der SEIU darum, im Rahmen einer Organizing-Kampagne eine betriebsübergreifende gewerkschaftliche Präsenz aufzubauen.7
Ein aktuelles Projekt läuft derzeit am Uniklinikum Göttingen.8
Die IG Metall und ver.di veranstalteten im Juli den Union Summer 2009, auf dem sich über 300 Aktive trafen, um sich über die verschiedenen Projekte und Ansätze sowie die aktuellen Entwicklungen auszutauschen. Im Rahmen der Veranstaltung gab es öffentlichkeitswirksame Aktionen in Düsseldorf und Wuppertal.9
Organizing nimmt also einen immer größeren Stellenwert in der Gewerkschaftsarbeit ein. Nachhaltige Erfolge werden sich einstellen, wenn die Gewerkschaften den eingeschlagenen Weg weiter gehen und eine konsequente Abkehr von der Stellvertreterpolitik vollziehen.
Zum Weiterlesen:
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Organizing: Neue Wege gewerkschaftlicher Organisation. Supplement der Zeitschrift Sozialismus 9/2008 von Juri Hälker (Hrsg.)
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Never work alone. Organizing – ein Zukunftsmodell für Gewerkschaften von Peter Bremme, Ulrike Fürniß, Ulrich Meinicke
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Organizing: Strategie und Praxis von Frank Kornberger, Wolfgang Ruber, Joachim Kolb
2Hauptmeier, M. (2005). Aufstand gegen den Niedergang. Magazin „Mitbestimmung“
5vgl. Schreieder, A. (2005). Organizing – Gewerkschaft als Soziale Bewegung. Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft. Seite 9 ff.
6mehr unter http://www.hws-im-streik.de oder http://sat.verdi.de/branchen_berufe/handel/betriebsgruppe_hws_haldensleben
8mehr unter http://www.respekt-im-uniklinikum.de
9mehr unter http://www.gutes-leben.de/unionsummer
“Die Spaltung ist immer noch real”
Posted on | Februar 17, 2011 | 237 Comments
In einem Interview mit der “Zeit Campus” im Sommer 2008 zum Thema “Wiedervereinigung” konnte ich mal so richtig den Ossi raushängen lassen;). Aber lest selbst: http://www.zeit.de/campus/2008/05/ost-west-streit.